Afrika und Oberösterreich. Aids kennt keine Grenzen. Zum Welt-Aidstag am 1. Dezember hat die KIZ mit zwei Aids-Beratern gesprochen: mit Sr. Lydia Pardeller aus Nairobi und Bernhard Resch aus Linz.
„Drei von zehn Menschen haben bei uns Aids“, sagt Sr. Lydia Pardeller. Die Franziskaner-Schwester wohnt in dem Elendsviertel Kariobangi in der Millionenstadt Nairobi (Kenia). Das ist die offizielle Statistik. „Vermutlich sind es bei uns im Slum mehr“, sagt die in Südtirol geborene Ordensfrau. Das HI-Virus macht auch vor den Kindern nicht halt und viele werden HIV-positiv geboren. Es ist die Lebensweise im Elend, die zur Verbreitung von Aids beiträgt. Frauen müssen sich prostituieren, um ihren Lebensunterhalt irgendwie bestreiten zu können. Sr. Lydia meint nüchtern: „Ihr Körper ist das einzige Mittel, mit dem sie Geld verdienen können.“ Dazu kommt die hohe Rate an Vergewaltigungen im Slum und vor allem die Gewalt in der Beziehung.
Missbrauch in der Ehe. In den allermeisten Fällen stecken die Ehemänner ihre Frauen an. Doch nicht genug damit. Kein Funke an Schuldeinsicht. Wenn Männer sich ihrer Krankheit bewusst werden, lassen sie die infizierte Frau mit den Kindern allein zurück und versuchen, sich nochmal richtig auszuleben. „Das ist in der Gesellschaft hier eher der Normalfall als die Ausnahme“, erklärt Sr. Lydia: „Viele Männer stecken vor ihrem Tod bewusst andere an. Das ist traurig, aber wahr“.
Aids – lebend tot sein. Sr. Lydia, ihre Mitschwestern von den Franziskanischen Missionsschwestern für Afrika (FMSA) sowie ein Team von Lehrer/innen und Sozialarbeiter/innen betreiben in dem Elendsviertel Kairobangi ein Netz an Einrichtungen: Schulen für Straßen- und Waisenkinder, ein Jugendzentrum, eine Armenküche für alte Menschen. „Die Hilfeschreie der vielen, vielen HIV-positiven Frauen haben mir für ihre Situation die Augen geöffnet“, sagt Sr. Lydia: „Ohne Unterstützung sind sie lebend tot.“
Die Schreckensnachricht. Die Wege, wie Frauen erkennen, dass sie HIV-positiv sind, sind vielfältig: Schwangere Frauen werden vom Staat getestet, häufig lassen sich Frauen testen, deren Mann an Aids verstorben ist, oder sie kommen, wenn sie mögliche Symptome von Immunschwäche wie Müdigkeit oder völlige Kraftlosigkeit spüren. „Natürlich sind sie zornig auf Gott und die Umwelt, wenn sie von ihrer Infektion erfahren“, weiß Sr. Lydia: „Besonders auf den, der sie angesteckt hat, zumeist eben der eigene Mann.“ Die betroffenen Frauen wenden sich in ihrer Not häufig an die Schwestern: „Weil sie wissen, dass sie Hilfe bekommen, reden sie offen über ihre Situation“. HIV-Positive aus höheren sozialen Schichten haben größere Probleme über Aids zu sprechen.
Für den eigenen Lebensunterhalt sorgen. „Bitte Schwester, hilf uns“. Tausendfach hören die Schwestern diesen Ruf in dem Elendsviertel, das weit über 100.000 Einwohner zählt. Zurzeit sind 600 Frauen im Programm. „Es gibt keine Heilung von Aids, aber viel Ermutigung und praktische Hilfe“, umreisst Sr. Lydia ihr Konzept. Die Frauen werden unterstützt, damit sie sich durch Erzeugung von Seifen oder Shampoos oder durch Nähen selbst versorgen können. Viele Kinder von HIV-positiven Frauen werden in die Schulen der Schwestern aufgenommen, wo sie zusätzlich zu essen bekommen. Die Ausgabe von Aids-Medikamenten übernimmt eine staatliche Stelle, die Schwestern sorgen dafür, dass sich die Frauen ein neues Umfeld aufbauen können. Entscheidend ist, dass die Frauen genug zu essen haben. Denn nur so verträgt man die Medikamente, die dazu beitragen, dass sich die Frauen rasch erholen. „So ein Erfolg ist eine Freude“, sagt Sr. Lydia. Die 75-jährige Ordensfrau nimmt die Kraft für ihren Einsatz aus dem Glauben. Und das Gespräch in der Gemeinschaft: „Über den Glauben nicht nur zu reden, sondern ihn zu praktizieren, das ist mein Lebenssinn.“
Aids in Oberösterreich: Der Druck zur Geheimhaltung
In Oberösterreich leben an die 1250 Menschen, die HIV-positiv sind – die, etwas ungenau formuliert, Aids haben. Jährlich kommen rund 40 Neuansteckungen hinzu. Bernhard Resch – Berater bei der Aidshilfe Oberösterreich – spricht zur Situation in Oberösterreich.
Rund 1500 Blutabnahmen werden jährlich bei der Aidshilfe OÖ gemacht. Zwei Drittel der Menschen, die sich testen lassen, sind heterosexuell.
Was ist, wenn der Befund positiv ist? Bei den meisten Betroffenen erlebe ich eine gefasste Ohnmacht. Alle fragen sich: Warum gerade ich? Dann steht die bedrängende Frage an: Wen muss ich von meiner Erkrankung informieren? Unsere Aufgabe ist es, nachdrücklich aufmerksam zu machen, dass man ab einem positiven Testergebnis nur mehr geschützten Sexualverkehr haben darf. Andernfalls macht man sich strafbar, besonders dann, wenn man jemanden ansteckt.
Wie geht es medizinisch weiter? Infektion heißt derzeit auf jeden Fall alle drei Monate Blutuntersuchung. Es kann sein, dass man fünf bis zehn Jahre keine Behandlung braucht. Wenn es notwendig wird, ist Aids seit etwa 20 Jahren durch eine Medikamententherapie behandelbar, aber nicht heilbar. Man hat aber noch wenig Erfahrung, wie sich eine jahrzehntelange Medikamenten-Einnahme tatsächlich auswirkt. Neueste Forschungen gehen von einem beschleunigten Altern aus.
Wie leben Menschen mit Aids? In vielen Bereichen wie jeder andere Mensch auch, aber die Geheimhaltung bleibt das große Thema: dass mich bei der regelmäßigen Blutabnahme niemand kennt, dass man beim Medikamentenholen niemand trifft, dass am Arbeitsplatz niemand davon erfährt. HIV-Positive neigen dazu, sich selbst sozial zu isolieren. Depressionen sind bei HIV-Positiven statistisch gesehen ungleich höher als unter der übrigen Bevölkerung.
Was hilft den Aids-kranken Menschen? Wir versuchen, sie in ihren Sozialkontakten zu stärken. Die Aidshilfe bietet dazu Gruppen für Betroffene an.
Was bedeutet die Arbeit mit HIV-positiven Menschen für Sie persönlich? Die Kontakte sind für mich sehr bereichernd. Es geht dabei um das Wesentliche des Lebens: Was gibt mir Halt? Was zählt wirklich? Das hat Rückwirkungen auf das eigene Leben.