80 Semester lang hat der Augustiner Chorherr von St. Florian, Univ.Prof. Ferdinand Reisinger, Gesellschaftslehre gelehrt, zunächst in Salzburg, ab 1983 in Linz. Am 16. Juni verabschiedet ihn die Katholisch-Theologische Privatuniversiät Linz.
Pfingsten steht bevor. Die Österreicher/innen sind von ihrer Kirche wenig begeistert. Nach einer Umfrage vertrauen sie der Polizei mehr als den Kirchen. Ein Alarmsignal? Dr. Ferdinand Reisinger: Kirche hat solche und andere Zeiten erlebt, mit und ohne Zustimmung. Mir geht derzeit die alte Religionskritik durch den Kopf, die von Karl Marx, der Religion einen „Geist geistloser Zustände“ nannte. Das hat mit einem notwendenden Pfingsten zu tun – wenn die Begeisterung heraußen ist, wenn der Zustand sich einfach nicht verändet, weil man keinen Bedarf sieht, dass etwas anders werden muss. Man bleibt im Nicht-Nachdenken stecken. Ich wünsche mir ein neues Pfingsten, das frischen Geist in die Kirche hereinbringt, Ideen, auch eine Anstrengung des Geistes.
Was sind aus Sicht des Sozialethikers die Herausforderung an die Kirche? Ich verstehe mich nicht so sehr als Sozialethiker. Die theologische Grundfrage ist mir wichtiger: Was ist mit der direkten und indirekten Rede von Gott in dieser Welt los? Daraus ergibt sich ein Anspruch, dass etwas anders werden kann. Ich sehe Glauben als eine Ermöglichungs-Angelegenheit, nicht als eine Behauptungs- oder Forderungssache. Natürlich gibt es eine ganze Menge sozialer und ethischer Probleme. Ich habe mich in den letzten Jahren eher mit Fragen von Glaube und Wirtschaft, von Geldwirtschaft und Religion beschäftigt. In den Jahrzehnten, in denen ich gelehrt habe, war es zunächst die Frage nach dem Atheismus. Da war ich zehn Jahre der „Atheist von Dienst“, wobei man auch selber in eine Glaubenskrise kommen kann. In Linz hat sich der Schwerpunkt „Wirtschaft – Ehtik – Gesellschaft“ herauskristallisiert. Zugleich sind es pastorale Fragen, die mich umtreiben, weil ich im Grund meinens Herzens Seelsorger bin.
Geht der Gesellschaft etwas verloren, wenn die Kirche durch ihre Krise geschwächt ist? Ich bin da nicht so pessimistisch, dass wir uns vor lauter Skandalen nicht mehr sehen lassen dürften. Kirche hat auch teil am sündigen Zustand der Welt. Es gibt aber etwas, das nur der Glauben bringen kann. Das geht nicht von uns, sondern geht von Gott aus. Drum muss von dem geredet werden, was sich die Welt nicht selber geben kann Das bleiben wir zu sehr schuldig, weil wir nicht radikal genug in der Spur Jesu sind.
Lässt sich umgekehrt die Kirche von der Welt zu wenig sagen? Ich habe das Glück gehabt, mein Studium in Salzburg in den 60er-Jahren zu beginnen. In meinem ersten Semester hat jeder Professor über einen Text des Zweiten Vatikanums referiert. Da ging es genau um die Frage: Was sagt uns die Welt – nicht nur: Was sagen wir der Welt? Die Pastoralkonstitution des Konzils ist das Um und Auf meiner Lehrtätgkeit. Da geht es nicht nur um die Frage, wieweit sich die Kirche in die Welt einlässt, sondern auch darum: Was ist ihr Spezifikum, das nur sie einbringen kann? „Die Aufgabe der Kirche ist eine religiöse und genau dadurch höchst humane“ (Pastoralkonstitution 11). Genau das wird ja von der Religionskritik bestritten, dass die Kirche in ihrem religösen Wirken human ist. Aber das ist von Jesus her der Knackpunkt.
Brauchen also Politik und Religion einander? Politik braucht Impulse. Ich halte sehr viel von Parteilichkeit – nicht, dass die Kirche für eine Partei die Schutzmacht übernimmt, aber dass verantwortbar entschieden wird. Sicher nicht im Sinne einer blinden Parteilichkeit. Parteilichkeit ohne Objektivität ist blind. Objektivität ohne Parteilichkeit ist leer. Die Kirche muss sich mit dem auseinandersetzen, was in der Welt drängt.
Wenn Gott parteilich ist, muss dann auch die Kirche Partei ergreifen? Existenziell und ethisch ja, moralisierend hoffentlich nicht. Moralisieren ist kontraproduktiv. Je mehr erhobene Zeigefinger, desto weniger werden die Leute motiviert. Jesus sagt nicht: „Ihr müsst oder ihr sollt“, sondern: Schaut genau. Beim zweiten Mal Hinschauen seht ihr: So könnte es gehen. Das ist die Beispielethik Jesu.
Welche Bibelstellen sprechen Sie in dieser Hinsicht besonders an? Es ist manches an der Radikalität Jesu in der Bergpredigt – weniger die Seligpreisungen – die verstehe ich zu wenig. Mich reizt die paradoxe Rede: bis zur Feindesliebe. Das ist das meistgehütete Tabu der Christen! Was mutet Jesus uns eigentlich zu?! Und mich provozieren die Bilder in der Gerichtsrede (Mt 25). Dem geht die Geschichte von den törichten und den klugen Jungfrauen voraus – eine Geschichte gegen die Verblendung, die Dummheit! Da sind doch konkrete Fakten angesprochen, die wir nicht sehen wollen!
Ist Ihnen Kirche in ihrem heutigen Erscheinungsbild zu harmoniebedürftig? Zu verbürgerlicht. Harmonie wäre etwas Positives – man muss ja nicht unbedingt streiten. Aber mit den „geistlosen Zuständen“ habe ich meine Probleme; dass der Glaube beschwichtigt! So tümpeln wir dahin mit dem Ungenügen, wie es ist, und sind auch noch zufrieden damit. Wir sind nicht genug bei den wichtigen Fragen der Leute.
Die wären? Eine konkrete Frage für mich ist: Warum gibt es so viel Angst vor neuem Leben, vorm Kinderkriegen ? Warum haben wir so wenig Mut zur Zukunft? Das heißt: Die jungen Leute werden mir zu schnell alt. Oder: Warum dieses skandalöse Auseinanderdriften von Hunger und Wegwerfgesellschaft? Wie hilflos schauen wir da zu, was passiert!
Sind die Unrechtsverhältnisse noch krasser geworden? Sicher! Ich mag den Wohlstand nicht grundweg schlechtreden. Die Frage ist, wie wir umgehen damit. Mich interessieren wieder Fragen um Haben und Sein. Warum bleiben wir so picken in unserer Habsucht und am Nicht-genug-kriegen-Können? Augustinus meinte: „Weniger brauchen ist besser als viel haben müssen.“ Wie komme ich dorthin – zum weniger Brauchen? Was treibt mich in die andere Richtung? Letztlich geht’s darum: Wie schaut eine erlöste und erlösende Rede von Gott aus? Wenn ich noch genug Zeit habe, möchte ich mich mit dem zweiten Gebot (... Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen ...) – beschäftigen, dem Thema Abgott: Warum gibt es diese Fetische, diese Idole, kleine oder große Götzen, denen wir nachrennen und fast alles opfern! Das ist mehr als spannend.
Zur Person
Univ.Prof. Mag. Dr. Ferdinand Reisinger wurde 1946 in Mauthausen geboren. Er studierte Philosophie und Theologie, Politikwissenschaft und Geschichte. Reisinger ist Augustiner Chorherr des Stiftes St. Florian. 1970 wurde er zum Priester geweiht.Neben seiner Lehrtätigkeit als Professor für Gesellschaftslehre und Pastoralsoziologie an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz lehrt er auch an der Pädagogi-schen Hochschule der Diözese Linz Geschichte, Politik und Sozialethik. Reisinger ist darüber hinaus Kirchenrektor von Pulgarn, Landesfeuerwehrkurat von Oberösterreich und Eherichter beim Diözesangericht Linz. Zu seinen besonderen Interessen gehört die Beschäftigung mit zeitgenössischer Kunst.