„Wenn jetzt die Opfer sprechen, dann spricht Gott zu uns, zu seiner Kirche.“ Tief betroffen von Missbrauch und Gewalt in der Kirche stellte sich Kardinal Schönborn entschlossen auf die Seite der Opfer. Als Kardinal Schönborn Anfang März als Ergebnis der Bischofskonferenz ankündigte, dass die Kirche in Österreich gemeinsame Richtlinien gegen Missbrauch und Gewalt erarbeiten wolle, war das noch „vorbeugende Strategie“. Man wollte von der aus Irland, Belgien und Deutschland ausgehenden „Welle“ nicht mitgerissen werden. Doch nur wenige Tage später gingen auch in Österreich die ersten Berichte über Missbrauchsfälle in der Kirche – von Feldkirch, Salzburg und Kremsmünster bis Eisenstadt – durch die Medien. Während in dieser Situation noch manche mit Medienschelten und Kleinreden abzuwiegeln versuchten, auch in Rom, setzte Kardinal Schönborn entschlossen auf eine „Null-Toleranz-Politik“. Ihre Sichtweise ist: Nicht der angebliche „Schutz“ der Institution Kirche steht im Vordergrund, sondern das Leid der Opfer, das sie durch Missbrauch, Gewalt und Vertuschung erlitten haben. Mit der Berufung von Waltraud Klasnic als unabhängige Opferschutzanwältin, der Einrichtung einer Opferschutzkommission und einer Entschädigungs-Stiftung gab Schönborn ein nicht immer unumstrittenes Tempo vor. Unterstützung kam von jenen Diözesen, die schon bisher gut aufgestellte Ombudsstellen und Kommissionen hatten. Endlich gelang es auch, gesamtösterreichische Richtlinien gegen Missbrauch in der Kirche zu beschließen. Die Kirchenaustritte erreichen 2010 dennoch einen Rekordwert (80.000). Aber es gilt auch: das Vorgehen der Kirche gilt inzwischen anderen (z. B. Bundesländern) als Maßstab.