„Diese Bilder werde ich nie vergessen“, ist ORF-Korrespondentin Nadja Bernhard hörbar erschüttert. Es sind Bilder von Schuttbergen, Verwüstung, Leid, Tod kaum begreifbaren Ausmaßes, die sie wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen seit Tagen aus Port-au-Prince kommentiert. Die Erde in Haiti hat das ohnehin durch blutige Aufstände, Umweltzerstörung, politische Krisen gezeichnete Land ins Nichts gebebt – und die Welt will Bilder sehen, um das Elend zu glauben, auch wenn es zunächst nur verwackelte Amateuraufnahmen sind, die ausländische Journalisten noch vor allen Hilfsmannschaften an den Ort des Schreckens holten. Dann erst wird nämlich für wahr gehalten, was Reporter und mehr oder weniger gut informierte Experten ins Mikrofon sprechen – im Falle Haitis lange vor der immer gleichen Rollbahnkulisse –, dann erst kommt die Katastrophe bei uns an, und wenn dem Grauen auch noch ein Gesicht gegeben wird, sind wir bereit, unsere Geldbörse zu öffnen. Abstrakte Opferzahlen berühren nicht so sehr wie konkrete Einzelschicksale. Der Grat für Journalisten wird damit aber recht schmal. Natürlich läuft über ihre Berichterstattung eine Spendenwelle an, nur: Dürfen sie dafür Opfer instrumentalisieren? Dürfen sie leidende, blutüberströmte, sterbende Menschen zum bloßen Mittel machen, um Betroffenheit zu erzeugen? Immer dann, wenn Kriege und Katastrophen den Reportertross in Bewegung setzen, läuft die journalistische Ethik Gefahr, Quoten und Auflagenzahlen geopfert zu werden. Aber: Nicht alle Bilder, die die Wahrheit zeigen, eignen sich, gezeigt zu werden. Es bedarf großer Sensibilität, sich im tragischen Chaos zu bewegen, hinzuschauen und abzuwägen, was zu senden vertretbar ist. Das ORF-Team in Haiti hat diese bisher in den aktuellen Einstiegen bewiesen.