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Wir sind erstaunt!

Albanien – Hilfe für Vertriebene
Ausgabe: 1999/16, Vertreibungen, Kosovo, Marjan, Velipoje, Albanien
20.04.1999
- Walter Achleitner
In Albanien nehmen Menschen, die selber nichts haben, großzügig Vertriebene aus dem Kosovo auf. „Und daß nicht wir um Hilfe bitten mußten, sondern unsere Freunde in Österreich gefragt haben, wie sie helfen können“, erzählt Pfarrer Marjan, sei das Startsignal dafür gewesen, daß im nordalbanischen Dorf Velipojë schon über 600 Kinder und Greise, Frauen und Männer Zuflucht gefunden haben.

Für Schwester Juditha kam alles überraschend. Plötzlich stand Don Marjan Ukai vor dem erst halb fertiggestellten Kindergarten, und 200 Flüchtlinge sind aus den beiden Autobussen ausgestiegen, die dem Pfarrer nach Velipojë gefolgt waren. Eigentlich war Don Marjan am Morgen des Ostermontags in die 35 Kilometer entfernte Stadt nur gefahren, um Brot zu kaufen. Daß er mit so vielen Vertriebenen aus dem Kosovo in das kleine Dorf zurückkommen würde, hat zwar niemand gewußt, aber keinen überrascht. Denn bereits in den Kar- und Ostertagen hatte er in den Gottesdiensten die Gläubigen von Velipojë darauf vorbereitet und gemeinsam für die Flüchtlinge gebetet. „Wir wollten mit allen Autos, die es in der Pfarre gibt, am Osterdienstag nach Kukës fahren, wo täglich Tausende Flüchtlinge aus dem Kosovo über die Grenze gekommen sind“, erzählt Ukai. Zuvor wollte er aber noch Brot kaufen, um nicht mit leeren Händen dort anzukommen.

Vor der Kirche gewartet
Als der Priester am Ostermontag in Shkodër ankam, konnte er seinen Augen nicht trauen. Vor der Kathedrale der nordalbanischen Stadt warteten bereits Freunde und Bekannte auf Marjan Ukai. Sie waren aus jenem Dorf vertrieben worden, in der Don Marjan nach seiner Priesterweihe tätig war. „Das war furchtbar schwer für mich. Ich habe diese Menschen neun Jahre nicht mehr gesehen. Und jetzt haben sie tagelang vor der Kirche auf mich gewartet, in der Hoffnung, daß sie mich dort treffen werden.“
Besonders schwer, so erzählt der gebürtige Kosovo-Albaner, war für ihn die Erinnerung an frühere Zeiten. Wie schön viele von ihnen vor der Vertreibung gelebt hatten; und nun mußte er sehen, wie sie auf Hilfe angewiesen waren – geschunden und von der Flucht gezeichnet.
„Sie haben auf mich gewartet, von Karsamstag bis Ostermontag“, erzählt der Priester. Und er sagt es in einem Ton, als würde er sich beinahe selber einen Vorwurf machen, daß er sie so lange hat warten lassen. „Genau zu Ostern mußten sie sich fragen: wird er kommen oder nicht?“ Und Don Marjan ergänzt: „Gott sei Dank, daß ich gekommen bin. Nun konnte ich helfen.“
Kurz entschlossen organisierte der Pfarrer zwei Busse für die 200 Flüchtlinge. Sie, so dachte Don Marjan, könne er in Velipojë schnell unterbringen: im neu errichteten Kloster der Franziskanerinnen aus Dillingen an der Donau und im Kindergarten.

Armenhaus Europas
„Es war nach Mitternacht, als die letzte Familie einen Platz zum Schlafen gefunden hat“, erzählt Schwester Juditha Heidel. „Für die Kirchweihe am 1. Mai hatten wir schon einiges vorbereitet. Nur deshalb hatten wir überhaupt genug Teller und die Biertischgarnituren im Haus“, gesteht die aus Bayern stammende Ordensfrau, die seit fünf Jahren in Albanien lebt.
Wirklich erstaunt ist Sr. Juditha jedoch über die Bereitschaft im Dorf, Flüchtlinge in die Familien aufzunehmen. „Laufend kommen Leute zu uns und sagen, daß auch sie einen Platz anbieten wollen.“ Und das, obwohl der Norden Albaniens zu den ärmsten Gegenden Europas zählt. Wo die Häuser meist nur aus zwei Zimmern bestehen und die Wasserversorgung mehr als dürftig ist. In den Hütten gibt es kein Wasser, oft nicht einmal im Dorf. „Familien mit sechs oder mehr Personen machen einen Raum frei und nehmen eine Familie auf“, erzählt Sr. Juditha.
So waren die ersten 200 Personen schnell in Familien untergebracht. Und nur eine Woche später leben bereits 600 Flüchtlinge in Velipojë. Doch angesichts von über 350.000, die in nur wenigen Tagen aus dem Kosovo nach Albanien gejagt wurden, gibt sich Don Marjan damit noch nicht zufrieden. Nach dem Gottesdienst vom vergangenen Sonntag zieht er voll Freude eine neue Liste aus seiner Jackentasche: „Noch einmal für 200 Kinder und Greise, Frauen und Männer gibt es Platz!“

Tagelange Odyssee
Auch wenn in Kürze rund 700 vertriebene Moslems und Christen in Velipojë Zuflucht gefunden haben, so gilt es, deren Überleben zu sichern. Noch wird im Kloster für die meisten gekocht und das Essen mit dem Auto in die Familien gebracht. Sr. Juditha: „Damit verzetteln wir uns, aber auch in den Familien fehlt es an entsprechenden Kochmöglichkeiten.“ Selbst Lebensmittel werden benötigt, und zwar nicht nur für die Flüchtlinge, sondern bald auch für jene, die sie aufgenommen haben. Doch all das seien „nur“ organisatorische Fragen, meint die Ordensfrau, und darin sei Don Marjan ein „Phänomen“, ergänzt sie schmunzelnd.
Viel schwieriger, so Sr. Juditha, sei es, mit dem umzugehen, was die Menschen auf ihrer oft tagelangen Odyssee durchgemacht haben. Eine Frau, die noch am Karsamstag ein Kind zur Welt gebracht hat und wenige Stunden später über die verschneiten Berge fliehen mußte.
Die unvorstellbar grausamen Berichte, die mit den Vertreibungen verbunden sind: Als Männer in das Haus eindringen und den Vater erschießen, weil er sich weigert, das abgeschnittene Ohr seines Kindes zu essen.
Die Ungewißheit über die Eltern oder Kinder, über den Ehemann oder die Tochter.

Zeit der Tränen
„Es sei noch zu früh, um darüber zu sprechen, was tatsächlich passiert ist. Sie können noch gar nicht. Sie stehen so unter Schock – sie können vielfach nur weinen“, schildert Sr. Juditha ihre Erfahrungen mit den Vertriebenen, die nun nach Velipojë gekommen sind. Ihre Worte verbinden sich mit dem Kampf, ihre Tränen zu unterdrücken. „Wir wissen von zwei 13jährigen Mädchen, die vergewaltigt wurden – und die sich anschließend das Leben genommen haben.

Wie lange?
Noch weiß niemand, wie lange sie in Velipojë werden bleiben müssen. So lange die dröhnenden Flugzeuge in den Nächten zu hören sind, ist jedoch an eine Rückkehr in die Heimat nicht zu denken. Und Don Marian Ukai zweifelt daran, daß die vertriebenen Kosovo-Albaner nur kurze Zeit hier leben werden. Gemeinsam wird bereits darüber nachgedacht, wie sich die Pfarre auf deren längeres Verbleiben einstellen kann. Wie die Leute in den kleinen Landwirtschaften mitarbeiten können oder für Kinder und Jugendliche ein Programm angeboten werden kann.

Hilfe weiterschenken
Daß in Velipojë die Vertriebenen aus dem Kosovo eine so herzliche Aufnahme finden, ist für Don Marjan Ukai eine Frucht der Zusammenarbeit mit den Freunden in Tirol. „Unsere Pfarre hat schon so viel an Hilfe erfahren, daß wir nun unsererseits helfen können.“ Und Schwester Juditha Heidel ergänzt: „Nicht wir mußten um Hilfe bitten, sondern unsere Freunde haben angerufen. Als die ersten Bilder vom Flüchtlingselend in Albanien im Fernsehen gezeigt wurden, haben sie gefragt, was sie tun könnten. Das war für uns ein großer Ansporn.“
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