Dreizehn Jahre nach der Reaktorkatastrophe geht in Weißrußland die Katastrophe weiter, nicht zuletzt wegen fehlender Informationen.
Ausgabe: 1999/16, Not, Tschernobyl, Nesterenko, Atom
20.04.1999
- Ernst Gansinger
Auf Einladung von Caritas und Katholischem Bildungswerk sprach ein weißrussischer Atomphysiker in Linz.
Wassilij B. Nesterenko hat ein gerötetes Gesicht mit hellroten Flecken an manchen Stellen, kleinen Brandblasen. Er scherzt: „Auch in Österreich gibt es Strahlengefahr!“ – Er war bei schönstem Frühjahrswetter ungeschützt auf einem Berg der Sonne ausgesetzt . . . Sein Ernst aber gilt anderen Strahlengefahren – jenen in seiner weißrussischen Heimat. Dort leiden 13 Jahre nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl viele Menschen, darunter 500.000 Kinder, an den Folgen: Mißbildungen bei Neugeborenen, stark erhöhte Krebsrate, Herzerkrankungen . . . Nur 11% der Schwangeren haben in ihrem Körper einen Gehalt an radioaktivem Cäsium 137 unter dem Grenzwert und nur 5% der stillenden Mütter haben in ihrer Milch den normalen Vitamin C-Gehalt.
Aufklärung Prof. Nesterenko kämpft mit seinem Minsker Institut für Strahlensicherheit „BELRAD“ für die Aufklärung der nach wie vor weitgehend im Unklaren gelassenen Bevölkerung. Mit vier mobilen Meßstationen fährt er in die Dörfer und mißt vor allem bei Kindern, wie hoch ihre Körper verstrahlt sind. Er verteilt Pektin-Tabletten, die die Verseuchung um 30 bis 40% zu senken vermögen.
Gesunde Ernährung Unwissenheit und Ratlosigkeit bringen die Leute in den verseuchten Gebieten (vier Millionen Hektar) dazu, selbstangebaute Nahrung oder gesammelte Feld- und Waldfrüchte zu sich zu nehmen. Damit verstrahlen sie immer neu ihre Körper radioaktiv. Ihre Armut läßt ihnen kaum eine Chance, dieser Zwickmühle zu entkommen. Prof. Nesterenko sagt, die wichtigste Maßnahme ist die Versorgung mit gesunden Nahrungsmittel. Bei den Erholungsaufenthalten erhalten Kinder diese gesunde Kost. Bisher hatten 200.000 Kinder in unbelasteten Gebieten Weißrußlands und 50.000 Kinder im Ausland (Tschernobyl-Aktion) Gelegenheit dazu. Der Atomphysiker Prof. Nesterenko war ein prominenter Verfechter der Kernenergiegewinnung. Im Zuge der Aufräumungsarbeiten nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl erkannte er aber die furchtbaren Gefahren. „Dann habe ich verstanden, daß die Atomenergie nichts für Leute unserer Generation ist, denn wir sind nicht genug in der Lage, damit umzugehen.“