Der „Dialog für Österreich“ ist tot. Ein Brief aus Rom habe den österreichischen Reformprozeß gestoppt. So hieß es letzte Wochen in mehreren Medien. Bischöfe und Laien widersprechen: Der Dialog geht weiter – in Österreich und mit Rom.
35 „Prioritäten“ hat die Salzburger Dialogversammlung formuliert. Zu einer Handvoll hat die römische Glaubenskongregation lehrmäßige und disziplinäre Bedenken erhoben. Die Reformanliegen des „Dialogs für Österreich“ sind gestorben, hieß es daraufhin – mehr oder weniger drastisch formuliert – in den Medien. „Das ist doch einfach nicht wahr“, kontert Weihbischof Alois Schwarz, der die bischöfliche Dialogkommission geleitet hatte. „Obwohl wir diesen Brief in den Händen hatten, haben wir bei der letzten Bischofskonferenz beschlossen, daß der Dialog weitergeht. Dafür haben wir eine Reihe von Projektgruppen eingerichtet, in denen die in Salzburg formulierten Reformanliegen weiterbehandelt werden sollen. Für die meisten Gruppen gibt es auch schon klare Terminvorgaben. Außerdem haben in einer ganzen Reihe von Diözesen Pastoralräte, Priesterräte, Frauenkommissionen oder die Katholische Aktion verschiedene Themen des Dialogs bereits aufgegriffen, etwa die Frage des Frauendiakonats oder pastorale Leitlinien für die Ehe- und Geschiedenenpastoral. In Eisenstadt hat Bischof Iby einen sehr konkreten diözesanen Dialogprozeß eingeleitet.“
Antworten reichen nicht In diesem Reformprozeß, so Weihbischof Schwarz, gebe es auch Fragen, die intensiver als bisher mit Rom erörtert werden müssen. „Es ist doch nicht so, daß Rom etwas sagt und damit ist die Frage zu Ende diskutiert. Wir als Bischöfe sind auch ein Teil des Lehramts, und wir haben die Aufgabe, gemeinsam mit Rom Lösungen auf neue Herausforderungen und Probleme zu finden. Ich hoffe daher, daß es auch schon während der Arbeit der Projektgruppen Gespräche mit Rom zu strittigen Fragen geben wird.“ „Der Brief aus Rom enthält nichts Neues, das haben wir auch vorher gewußt“, sagt Weihbischof Helmut Krätzl. „Wir erleben aber auch täglich, daß diese Antworten nicht mehr ausreichen. Es ist daher unsere Aufgabe als Bischöfe vor Ort, die wir mitverantwortlich für die Lehre der Kirche sind, die Nöte der Menschen und die pastoralen Probleme aufzuzeigen und uns dafür einzusetzen, daß gewisse Themen weitergedacht werden.“ Er hoffe sehr, daß es zu einem konstruktiven Dialog mit Rom komme, meint Krätzl. „Je länger anstehende Probleme – und die sind in vielen Fällen ja keine österreichischen Spezifika – nicht sachgerecht gelöst werden, desto größer ist die Gefahr, daß an der Basis ein Wildwuchs ,eigener Lösungen‘ entsteht.“ Obwohl der Brief aus Rom den österreichischen Reformwünschen in einigen Punkten sehr deutlich Grenzen aufgezeigt habe, sei er überzeugt davon, so Krätzl, daß das Lehramt der Kirche entwicklungsfähig ist. So etwa habe das vatikanische Konzil gezeigt, daß in manchen Fragen, die unverrückbar schienen, doch neue Lösungen und Antworten möglich sind. Bei der konkreten Umsetzung des Reformprozesses in Österreich setzt Krätzl vor allem auf jene Diözesen, wo eine Bereitschaft für neue Wege da ist.
Druck auf Bischöfe Hubert Feichtlbauer von der Plattform „Wir sind Kirche“ sieht in dem Brief aus Rom den Versuch, auf die Bischöfe Österreichs Druck auszuüben. „Aber es ist doch nicht so, daß unsere Bischöfe nicht wüßten, was Glaubenslehre ist. Eine ganze Reihe von ihnen weiß aber auch, daß man in den konkreten pastoralen Nöten von heute mit den Antworten von gestern nicht mehr zurecht- kommt.“ Deshalb begrüße er es, so Feichtlbauer, daß die Bischöfe sich entschlossen haben, in den Projektgruppen die brennenden Reformfragen weiterzubehandeln, theologisch zu vertiefen und Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Er gebe diesen Dialoggruppen einen Vertrauensvorschuß, meint Feichtlbauer. Sollte es zu keinen vertretbaren gesamtösterreichischen Reformschritten kommen, so werde es zu einem weiteren Auseinanderdriften der Diözesen mit unterschiedlichen Reformtempi kommen. Aufhalten ließe sich das Ringen um notwendige Reformen in der Kirche nicht mehr, weder in Österreich noch in vielen anderen Ländern, wo ganz ähnliche Probleme anstehen. Wenn Rom gegenüber den Wünschen der Ortskirchen weiterhin so auftrete wie in den vergangenen Jahren, dann werde der Druck zunehmen, daß sich ein neues Konzil mit diesen Fragen befaßt, ist Feichtlbauer überzeugt.
Mit offenem Visier Für den Präsidenten der Katholischen Aktion, Christian Friesl, zeugt diese „Notbremse aus Rom“ nicht gerade „von großem Vertrauen in die Kirche Österreichs und ihre Bischöfe“. Aber es sei ja nicht der erste Brief, mit dem die Glaubenskongregation auf den Dialogprozeß Einfluß zu nehmen versucht. Der Dialog, so habe sich gezeigt, läßt sich damit nicht aufhalten. Auch jetzt hätten sich die Bischöfe wieder dazu bekannt. Der Brief habe auch sein Gutes, meint Friesl: „Jetzt liegt auf dem Tisch, was Rom vom Dialog hält und wo es Probleme gibt. Jetzt kann man mit offenem Visier in den Disput mit Rom eintreten. Ich hoffe sehr, daß die Bischöfe – und auch andere – das tun und dabei die Anliegen der Ortskirche deutlich machen.“ Außerdem zeige der Ratzinger-Brief, daß offensichtlich viele Reformanliegen auch in Rom auf offene Ohren stoßen. Für die Fortführung des Dialogs wünscht sich Friesl, daß man die unstrittigen Themen zügig anpackt und bei den strittigen Fragen beherzt darangeht, die notwendige theologische Kleinarbeit, auch im Gespräch mit Rom, zu leisten. Die Dialoggruppen bieten für beide Richtungen gute Ansätze. Da stehen z. B. die sozialen Nöte ebenso zur Debatte die die Pastoral für wiederverheiratete Geschiedene. Er hoffe aber auch, so Friesl, „daß durch die ständigen römischen Interventionen das Selbstbewußtsein der Bischöfe steigt und sie ihre Verantwortung, die sie nicht nur für die Bewahrung der Lehre, sondern auch für deren Weiterentwicklung haben, verstärkt wahrnehmen“.