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Kinder in Temesvar: Kampf ums Überleben

Die Rieder Rumänienhilfe betreut mehr als hundert Straßenkinder
Ausgabe: 1999/12, Temesvar, Kinder, Überleben
23.03.1999
- Andrea Prielhofer
Mehr als hundert obdachlose Kinder kämpfen in der rumänischen Stadt Temesvar jeden Tag ums Überleben. Sie hausen in unterirdischen Betonschächten und in Service-Stollen für Fernwärmerohre. Die Rumänienhilfe Ried versucht ihnen zu helfen.


„Ungefähr alle fünf Wochen fahren wir nach Rumänien und bringen den Straßenkindern, aber auch Familien und alten Leuten, Essen, Decken und warme Kleidung“, erzählt Maria Ritter, das „Herz“ der Rumänienhilfe.Seit vier Jahren versorgen Ritter und ihre Helfer diese Kinder mit dem Nötigsten. Anfangs war es nicht leicht, die Kinder in ihren Verstecken und Schlupflöchern überhaupt zu finden. Die Einstiege in die Schächte sind extrem eng und gut versteckt. „Nur wenige meiner Helfer passen durch und können hinunterkriechen“, erklärt die 60jährige.Schafft man es, zu den Halbwüchsigen hinunterzusteigen, sieht man furchtbares Leid: Manche sind so schwach, daß sie nur mehr neben oder auf den warmen Heizungsrohren liegen, unfähig die Leiter des zwei Meter langen Einstiegsschachtes hinaufzusteigen. „Zwar sind sie in den Kanälen vor der Kälte geschützt, die feuchte Wärme in den Schächten greift aber ihre Gesundheit an“, sagt Ritter. Viele Kanalkinder haben deswegen Probleme mit Lunge und Bronchien. Von einer ärztlichen Behandlung können sie nur träumen.

Lackdämpfe als Fluchtmittel aus dem Elend
Die Betroffenen wollen nur eines: ihr Elend vergessen. Für ein paar Stunden Zufriedenheit schnüffeln sie Lackdämpfe aus schmutzigen Beuteln. Doch der Preis ist hoch: Die giftigen Dämpfe verursachen Gehirnschäden und verätzen langsam ihre Lippen.Der Grund für die große Zahl von Obdachlosen ist einfach: Armut. „Ein Mächen hatte zuhause in ihrem Dorf zwölf Geschwister, der Vater war arbeitslos und trank. Sie als Älteste mußte gehen und für die Jüngeren Platz machen“, erzählt Ritter. Kein Einzelfall in den Dörfern rund um Temesvar. Viele Fabriken haben geschlossen, auch Arbeitswillige finden keine Beschäftigung. Mit der monatlichen staatlichen Unterstützung können die Familien nur Brot und Wasser für zwei Wochen kaufen.

Kleidung, Schuhe und Seife sind Luxusartikel
„Kleidung, Schuhe, Seife, Matratzen oder Betten sind fast unerschwingliche Luxusartikel“, weiß die Helferin.Gerne würde Ritter das Übel an der Wurzel packen und die schlechte Situation ändern. „Ich kann leider nur ein bißchen helfen und Leid lindern“, bedauert sie. Für die Ärmsten der Armen – die Straßenkinder von Temesvar – ist die Rieder Rumänienhilfe aber zu einer festen Institution geworden. „Sobald wir am Abend zum Bahnhof und den anderen uns bekannten Plätzen kommen, hören wir einen Pfiff und sind sofort von unseren Schützlingen umringt“, erzählt die engagierte Frau. Gedränge und Neid gibt es nicht, sie stellen sich ordentlich in einer Reihe an. Jedes Kind bekommt ein Paket mit gleichem Inhalt: Brot, harte Wurst, eventuell Konservendosen. Nahrungsmittel, die möglichst lange haltbar sind, damit die Obdachlosen auch nach ihrem Besuch nicht hungern müssen. „Oft können sie aber gar nichts essen, weil sie solche Magenschmerzen haben.“

Für jedes Kind ein Schokolade-Osterhase
Zu Ostern, Nikolaus und Weihnachten gibt’s besondere Leckerbissen. Vergangene Woche befanden sich im Gepäck von Maria Ritter und ihren Helfern Schoko-Osterhasen, für die Kleineren sogar Stoffhasen. „Viele opfern ihren Urlaub um ein paar Mal im Jahr nach Rumänien zu fahren“, sagt Ritter. Trotz dem Ende der Diktatur sind diese Fahrten immer noch kompliziert und langwierig. Mit Lastwagen und Kleinbussen fahren die freiwilligen Helfer über Ungarn nach Rumänien. An den Grenzübergängen müssen sie stundenlange Wartezeiten und Kontrollen in Kauf nehmen. Auch die Bürokratie, etwa die Einfuhrbewilligung und Papiere für die rumänische Straßensteuer, legt ihnen Steine in den Weg. „Am schlimmsten ist die Untersuchung der gespendeten Kleidung durch den Veterinär an der ungarisch-rumänischen Grenze. Auf den Beamten und den Stempel ‘mikrobenfrei’ müssen wir oft die ganze Nacht warten“ erzählt die Initiatorin der Rumänienhilfe. Doch die Mühe lohnt sich: Vor Freude glänzende, dunkle Kinderaugen, ein kurzes Lächeln, das über ein schmales, verängstigtes Gesicht huscht, ist der Lohn für die Arbeit und das Engagement der Helfer.
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