In Holland sterben jährlich mehr als 3000 Menschen „freiwillig“ durch die Hand eines Arztes. Die Grauzone wird immer größer. Der Europarat will noch heuer eine Richtlinie verabschieden mit der Tendenz: Sterbebegleitung ja – aktive „Sterbehilfe“ (Euthanasie) nein. Der Wiener Gesundheitsstadtrat Sepp Rieder unterstützt diese Politik aktiv. Es fällt auf, daß Wien seit Jahren – stärker als andere Bundesländer – die Hospizbewegung unterstützt. Warum?Rieder: Ich kenne eine ganze Reihe von Mitarbeiter/innen der Hospizbewegung und ich hatte auch die Möglichkeit, mit hospizbegleiteten Patienten auf ihrem letzten Lebensabschnitt und deren Angehörigen zu sprechen. Da merkt man ganz tief, wie positiv die Betroffenen die Verbesserung ihrer schwierigen Situation erleben – sowohl durch die fachkundige medizinische Schmerzbehandlung als auch durch die psychische Stütze der mitmenschlichen Begleitung. Da wird neben der Fachkompetenz ein enormes Maß an Liebe eingesetzt, damit menschenwürdiges Leben auch in dem oft sehr belastenden Prozeß eines langsamen Sterbens und Abschiednehmens möglich ist. Neben dieser ganz konkreten Hilfe für eine bestimmte Gruppe von Patienten, etwa Krebs- und Aidskranken, leistet die Hospizbewegung auch einen wichtigen Beitrag zur Fortentwicklung einer humanen Sterbekultur. Neue FinanzbasisDie Politik streut der Hospizbewegung gerne Blumen, wenn es um die Finanzierung geht, schaut die Lage meist anders aus. Wie ist das in Wien?Rieder: Wir haben in Wien drei stationäre Hospizeinrichtungen. Nur beim Hospiz St. Raphael, das dem Krankenhaus „Göttlicher Heiland“ angegliedert ist, läuft die Finanzierung über die normale Schiene der Krankenkassen. Die beiden anderen Stationen fallen, wie Pflegeheime, unter die Regelungen des Sozialhilfegesetzes. Das bedeutet, daß Angehörige mit Regreßforderungen zu rechnen haben, wenn die Patienten die Pflegesätze nicht bezahlen können. Das ist ein unhaltbarer Zustand, weil er manche Patienten abhält, in ein Hospiz zu gehen, um ihre Angehörigen nicht zu belasten. Deshalb wollen wir unbedingt erreichen, daß Hospizstationen ähnlich wie Spitäler finanziert werden. Ein erster Schritt dahin ist gelungen: Seit Dezember können in Krankenhäusern Hospizbetten eingerichtet werden. Für das mobile Hospiz der Caritas, das von der Stadt mit 5,5 Millionen unterstützt wird, ist es uns vor kurzem in Verhandlungen mit der Gebietskrankenkasse gelungen, daß diese wenigstens die Arztkosten übernimmt. Das sind erst Anfänge, aber es zeigt ein allmähliches Umdenken. Und das ist notwendig, denn nur, wenn ein würdiges Sterben, egal ob zu Hause oder im Spital, ermöglicht wird, erübrigt sich die Frage nach aktiver Sterbehilfe (Euthanasie).Platz für SterbendeWie sehen Sie die Forderung, an möglichst allen Schwerpunktkrankenhäusern Hospizstationen einzurichten?Rieder: Der Bedarf an Hospizeinrichtungen ist sicherlich noch nicht gedeckt. Gleichzeitig stelle ich fest, daß die besonders von der Hospizbewegung forcierte Palliativmedizin (Schmerzbehandlung) im Spitalsbereich und bei niedergelassenen Ärzten wachsendes Interesse findet. Leider noch nicht an unseren medizinischen Fakultäten. Die hinken hier, wie übrigens auch bei der Geriatrie, hinter der gesellschaftlichen Entwicklung nach. Ich bedauere das außerordentlich.Neben Hospizeinrichtungen und Palliativstationen, die zur Betreuung einer bestimmte Patientengruppe, etwa unheilbar Krebskranker, notwendig sind, brauchen wir aber auch Maßnahmen zur Sterbebegleitung im normalen Krankenhausbetrieb. Der wesentliche Schlüssel dazu ist die entsprechende Ausbildung und Begleitung der Mitarbeiter/innen. Sie müssen über die medizinischen und psychischen Phasen des Sterbens und über den Umgang mit Angehörigen Bescheid wissen und sie brauchen die Möglichkeit, ihre oft bedrückenden Erfahrungen aufzuarbeiten. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, daß es die entsprechenden räumlichen Möglichkeiten gibt, wo Angehörige auch für einige Tage bei ihren Sterbenden sein können. Daß man ein Zwei- oder Dreibettzimmer für solche Fälle frei macht, muß bei einigem guten Willen in der Regel möglich sein. Man sollte das auch bei den Bettenabbauplänen stärker mitbedenken. Eigene „Sterbezimmer“ halte ich hingegen nicht für sinnvoll, das geht wieder Richtung abschieben. Ein zweijährigen Pilotversuch im Geriatriezentrum Lainz hat gezeigt, daß man relativ kurzfristig wirklich viel verbessern kann, um eine humane Sterbebegleitung zu ermöglichen. Die Klammer der EthikWelche Rolle spielen in diesem Zusammenhang ethische Fragen? Rieder: Ich halte in unserer Entwicklung des Gesundheitswesen das Wachrufen medizinethischer Aspekte für sehr wichtig. Zum einen deshalb, weil eine Medizin, die immer nur mit ihren noch besseren Leistungen im Blickpunkt steht, Gefahr läuft, eine Erwartungshaltung zu fördern, die völlig daran vorbeigeht, daß das Lebensende und der Tod ein Teil des Ganzen sind, ein Teil unserer menschlichen Existenz. Wir betreiben einen Riesenaufwand, um jede Chance einer Heilung zu nützen, sobald jemand „aber aufgegeben“ wird, sinkt das Interesse schlagartig. Und wir brauchen die Klammer der Ethik, um die notwendige Balance zu finden zwischen dem wachsenden finanziellen Druck im Gesundheitswesen und einem verantwortlichen Umgang mit Mitmenschen in ihrer letzten Lebensphase. Ohne Ethik laufen wir Gefahr, in eine fatale, inhumane Kosten-Nutzen-Debatte zu geraten, an deren Ende die Euthanasie steht.