o Wie Sehen Sie die Situation in der Kirche nach der Schüller-Abberufung und vor der Bischofskonferenz?Friesl: Die Art der Abberufung, aber auch die Begründung des Kardinals, in Hinkunft weniger organisatorische und dafür mehr spirituelle Akzente setzen zu wollen, hat viele Frauen und Männer aus der katholischen Kernschicht zutiefst getroffen. Viele Leute, die das Leben in den Pfarrgemeinden wesentlich mittragen, aber auch viele Seelsorger fühlen sich im Stich gelassen und haben den Eindruck, daß ihre Arbeit und ihre Spiritualität nicht mehr gefragt ist. Ich glaube, daß die Leute ein gutes Gefühl dafür haben, daß die Religiosität trotz aller Krisenerscheinungen vor allem auf der breiten Basis der vielen engagierten Menschen in den Pfarren, der Caritas, den Gliederungen der KA etc. ruht. Was wir brauchen, ist nicht der Rückzug in die kleine Herde, sondern die Inkulturation des Evangeliums in die heutige Welt. o Nach der Dialogversammlung hat es Aufbruchsstimmung gegeben. Ist dieses Kapital noch was wert?Friesl: Der Dialog für Österreich war der Versuch, Menschen verschiedener kirchlicher Prägungen miteinander darüber ins Gespräch zu bringen, wie wir den freiheitsverliebten Menschen von heute mit dem Evangelium Jesu zusammenbringen. Der Delegiertentag von Salzburg hat eine Reihe bemerkenswerter Akzente für die spirituelle und strukturelle Erneuerung der Kirche gesetzt. Aber seither haben immer mehr Menschen das Gefühl, daß, abgesehen von einigen Diözesen, nichts weitergeht. Die Bischöfe müssen endlich sagen, was sie mit den sechs Projektgruppen wollen und welche Beschlüsse wie und in welchem Zeitrahmen umgesetzt werden sollen. Nach dem langen, mühevollen Ringen um den Dialog wollen die Leute endlich Reformschritte sehen – und zwar im Sinne der Salzburger Voten. hb