„Bosna Quilt“: Frauen entwickeln neue künstlerische Ausdrucksform
Ausgabe: 1999/05, Bosna Quilt
03.02.1999
- Walter Achleitner
Jedes Stück ein Unikat. Es verbindet die künstlerischen Ideen der Malerin Lucia Feinig-Giesinger und das kunstvolle Handwerk bosnischer Näherinnen. Seit der Rückkehr nach Goraz*de sichern die genähten Bilder ein menschenwürdiges Leben.„Es ist spannend, wenn zwei Frauen ein Kunstwerk schaffen“, beschreibt Lucia Feinig-Giesinger das Entstehen der „Bosna Quilts“, einer Kunstform, die die Vorarlberger Malerin gemeinsam mit bosnischen Frauen entwickelt hat. Nach fünf Jahren und über 600 mit Hand genähten Decken steht das Markenzeichen „Bosna Quilt“ aber auch für ein gelungenes Projekt der Integration von Bürgerkriegsflüchtlingen. Und seit die Werkstatt im Caritas-Heim Galina im Sommer vergangenen Jahres geschlossen wurde, weil die Frauen in ihre Heimat nach Goraz*de zurückgekehrt sind, leistet „Bosna Quilt“ einen Beitrag zum Wiederaufbau (siehe Kasten).Neue Kunstform„Ich wollte eine Ausdrucksform finden, mit der sowohl die Frauen aus Bosnien als auch ich etwas Neues versuchen“, beschreibt Lucia Feinig-Giesinger ihre Grundidee. „Daraus wurden diese gesteppten Bilder – mindestens zwei Ebenen aus Stoff werden miteinander verbunden. Als Künstlerin entwerfe ich das Bild: Wie groß welche Farbe wo ihren Platz bekommt; aber auch, welche Farbe die Naht haben soll, mit der die Textilien verbunden werden. Vollendet wird das Objekt jedoch erst durch die kunstvolle Handarbeit der Näherinnen. Ich erlebe, wie meine Entwürfe von einer zweiten Frau mutig behandelt werden und sich daraus etwas sehr Dichtes ergibt.“ Die Steppnähte tanzen über die Flächen, verdichten, verwirren, lösen sich. Im ExilEine der ersten Bosnierinnen, die seit Sommer 1993 im Caritasheim an den Quilts genäht hat, ist Safira Ho*so. „Ich bin glücklich über diese Arbeit. Damit habe ich Leute kennengelernt und stehe auch heute noch mit vielen in Kontakt“, erzählt Frau Ho*so, die seit zwei Jahren wieder in Goraz*de lebt. Und die Künstlerin Lucia Feinig-Giesinger ergänzt: „Damit waren die Frauen nicht mehr länger nur Nummern.“ Denn über die Quilts, die ausschließlich bei Ausstellungen präsentiert werden, ist es gelungen, für die Flüchtlingsfrauen eine Brücke zum Exilland zu schlagen. Positiver „Nebeneffekt“ der Quilts nach 45 Ausstellungen in Österreich, der Schweiz und Deutschland: trotz Beschäftigungsverbots in Österreich war es gelungen, den Frauen zu einem Einkommen zu verhelfen. „Dieses kleine Startkapital hat es mir leichter gemacht, wieder zurückzugehen“, sagt Safira Ho*so. Mit ihrer Näherfahrung hat sie nun eine Werkstatt für zwölf Frauen in Goraz*de aufgebaut. Lucia Feinig-Giesinger ergänzt: „Heute hängen in vielen Häusern, Kirchen und öffentlichen Einrichtungen unsere Bilder. Sie sind Spuren von Menschen, die, vom Krieg vertrieben, mit uns gelebt haben. Und sie erinnern uns, daß der Friede nicht selbstverständlich ist.“