Viel können jene erreichen, die sich blind verstehen und aufeinander verlassen können. Dies wird besonders augenscheinlich beim Schilauf der blinden und sehbehinderten Menschen.Gemeinsam sind sie Weltklasse – Gabriele und Max Huemer. Seit 1994 steht die schwer sehbehinderte Gabriele Huemer gemeinsam mit ihrem „Vorläufer“ – ihrem Ehemann Max – bei großen internationalen Schiwettkämpfen immer wieder ganz oben auf dem Siegerpodest. Sieg in allen Disziplinen1994 in Lillehammer zum Beispiel eroberten die beiden Gold (Super G) und Silber (Riesentorlauf), beim Europacup 1995 holten sie in allen Disziplinen den Gesamtsieg, bei der Weltmeisterschaft 1996 in Lech am Arlberg eroberten sie Gold, Silber und Bronze. 1997 kam Sohn Max zur Welt, was eine Rennpause notwendig machte. Heuer ist das Ehepaar wieder auf die Rennpisten zurückgekehrt, und das ganz eindrucksvoll: Bei der Europameisterschaft in Kompacky Plejsy in der Slowakei siegten sie in allen vier Disziplinen! „Hopp“ ist das Kommando zum Schwung. Es kommt über Funk, denn drei bis fünf Meter vor der Schirennläuferin fährt der „Guide“ oder Vorläufer. Sie verläßt sich auf das, was er ihr sagt und was sie von ihm schemenhaft sieht: Max und Gabriele Huemer haben das Zusammenspiel von sehendem und sehbehindertem Menschen so perfektioniert, daß sie sich im wörtlichen wie im übertragenen Sinn blind auf ihn verlassen kann, natürlich ebenso auf ihr Können. „Wenn man demjenigen nicht vertraut, der vor einem ist, ist es gescheiter, man läßt es“, sagt sie. Sicher in vertrauter UmgebungIm eigenen Haus kann sie sich auf ihre Ordnung und praktische Raumlösungen verlassen. Wer sie besucht, ist zunächst überrascht über die Sicherheit ihrer Bewegungen: Gabriele Huemer öffnet die Tür, reicht die Hand, weist den Weg ins Innere und bietet einen Platz an. Auf dem Tisch brennt eine Kerze, Kaffeetassen stehen bereit. Nichts deutet auf die Sehbehinderung hin. „Trinken Sie Kaffee?“, werde ich gefragt. – Ja, bitte. – Sie kommt mit der Kanne und schenkt ein. Nur Zentimeter vor der Tasse merkt man, wie sie mit den Händen die letzte Sicherheit erspürt, um richtig einzuschenken. Außerhalb der vertrauten Umgebung ist sie oft auf Hilfe angewiesen. Sie kann nicht Autofahren, das ist klar. Aber auch eine Nadel kann sie zum Beispiel nicht einfädeln. Sie erkennt das Gesicht der Leute nicht auf der Straße, manche kann sie aber an den Umrissen ihres Ganges identifizieren. Hilfe ist wichtigWenn Sie fernschaut, die Übertragung eines Schirennens etwa, setzt sie sich ganz knapp vor den Fernseher, um ein bißchen etwas zu erkennen. Für die täglichen Handgriffe ist die wichtigste Hilfe die Ordnung, alles steht an seinem Platz. Dann gibt es technische Hilfsgeräte, etwa ein Computer-Lesegerät oder die Lupe. Vor allem aber sind es Menschen, die ihr helfen: Der Mann, Freunde, Eltern . . . So hilfeabhängig zu sein, wäre für viele sehende Menschen schwer zu ertragen. Sie sollten sich mit Gabriele Huemer unterhalten und hinhören, wie sie vor Lebensfreude sprüht: „Ganz egal, welche Behinderung ich habe, es bringt überhaupt nichts, wenn ich mich bedauere . . . Es gibt viele Sportarten, die ich als Behinderte ausüben kann; ich brauche halt jemanden dazu, aber wenn ich jemanden habe, kann ich vieles tun. . . Ich bin glücklich . . . Und der kleine Stoppel, der macht uns viel Freude!“– Der kleine Stoppel ist der zweijährige Sohn Max. Genau dieses Gefühl nehme ich mit: Ich habe mit einer glücklichen Frau gesprochen.Nur vier Prozent SehkraftDie heute 35jährige Gabriele Huemer aus Ohlsdorf erfuhr als Volksschulkind, daß sie schwer sehbehindert ist. Diese Behinderung verschlechterte sich, bis sie 22 Jahre alt war. Seither muß sie mit vier Prozent Sehkraft ihr Leben meistern. Und sie tut es mit Lebenslust und Erfolg. Im Blindeninstitut in Wien, wo sie zur Stenotypistin ausgebildet wurde, kam sie zum ersten Mal mit dem Skirennsport in Kontakt. Freude am Skifahren hatte sie schon vom Elternhaus mitbekommen. Bei ihrem Arbeitgeber OKA (jetzt Energie AG), wo sie als Telefonistin arbeitet, lernte sie ihren Mann Max kennen. Dieser förderte ihre gemeinsame Leidenschaft, das Schifahren. Und heute sind sie ein Tandem, das schon Großes erreicht hat! Man könnte, schreibt man über den Behindertensport, nur im sportlichen Bereich bleiben und etwa über die geringen finanziellen Mittel des Behindertensportes berichten, über Wettkämpfe abseits des großen Medienrummels und damit abseits des großen Geldes. Man könnte auch über die Berechnung des „Handicaps“ informieren, wenn Rennläufer/innen mit unterschiedlich starker Sehbehinderung im gleichen Rennen gegeneinander antreten oder über Trainingsprobleme. Aber das überlassen wir den Sportseiten. Nur eine sportliche Ergänzung noch: Innerhalb des ÖSV bildet der Behindertensport eine eigene Sektion. Amputierte, Rollstuhlfahrer, Blinde und Sehschwache sowie Bewegungsbeeinträchtigte (mit Cerebral Parese) tragen einen Bewerb aus.