Der Jahresbericht des Vereinten Christlichen Forums für Menschenrechte (UCFHR) für 1998 ist erschreckend: 108 Fälle anti-christlicher Gewalt in Indien werden dokumentiert, mehr als die Hälfte davon im Bundesstaat Gujarat. „Seit Jänner 1998 gibt es mehr Gewalt gegen die christliche Gemeinde als in all den 50 Jahren der Unabhängigkeit. Nonnen werden vergewaltigt, Priester ermordet, Bibeln verbrannt, Kirchen zerstört, Bildungseinrichtungen demoliert, Mitarbeiter religiöser Institutionen werden belästigt und verfolgt“. Besorgniserregend sei das Ausmaß der Gewalt, ihre geographische Verbreitung, das stille politische Einverständnis sowie die in vielen Fällen erkennbare Komplizenschaft des Staatsapparates, vor allem der Polizei, mit den Amok laufenden Glaubensfanatikern.Landesweiter ProtesttagZum ersten landesweiten Aufschrei der 23 Millionen Christen kam es am 4. Dezember, als Hunderttausende dem Aufruf zum Protest gegen Übergriffe auf religiöse Minderheiten folgten und auf die Straße gingen. Christliche Bildungseinrichtungen hatten an diesem „Nationalen Protesttag“ geschlossen und viele trugen eine schwarze Armbinde. Eine Delegation des UCFHR unter der Leitung des Präsidenten der katholischen Bischofskonferenz Indiens und Erzbischofs von Neu Delhi, Alan de Lastic, sprach mit Ministerpräsident Atal Behari Vajpayee von der nationalistischen Hindu-Partei (BJP) über das „tiefe Gefühl von Angst und Schmerz“.Christen: das GeschwürDenn Indiens Regierung hat dem Wüten extremistischer Hindus bisher ziemlich uninteressiert zugesehen. Vielmehr haben seit der Bildung der Koalitionsregierung unter Vajpayee im März 1998 die Übergriffe dramatisch zugenommen. Und Vertreter des „Weltrates der Hindus“, ein Verbündeter der BJP, sprechen immer offener über ihren „Krieg gegen Christen in Indien“. Bei einer Kundgebung am 28. Dezember in Ahmedabad, der Hauptstadt Gujarats, bezeichnete der lokale Präsident des Weltrates der Hindus (VHP), Chinubhai Patel, die Christen als „das Krebsgeschwür in der Hindugesellschaft“. Bereits im September hatte der Sprecher von Bajrang Dal, einer rechtsgerichteten Hindugruppe, christliche Missionare beschuldigt, Extremisten zu unterstützen sowie Kontakte zur Drogenmafia zu unterhalten. Mit Unterstützung des VHP hatte Bajrang Dal angekündigt, eine zweite „Verlasse Indien“-Bewegung ins Leben zu rufen und christliche Missionare zu vertreiben. Mit den UnterdrücktenErzbischof de Lastic antwortete auf die Anschuldigungen: „Wir sind zum Wohl der Unterdrückten und Niedergetrampelten tätig.“ Es sei ein weiterer Schritt „militanter Hindugruppen, Minderheiten zu schikanieren, und ein wohlgeplanter Versuch, Frieden und Harmonie in Indien zu stören.“ Im November sagte Lokesh Singh, Führer des Weltrates der Hindus, die mehr als 13.000 christlichen Schulen raubten dem Land und der Jugend das reiche kulturelle Erbe Indiens. Vielmehr würden diese Schulen von Missionaren dazu benutzt, Hindus zum Christentum zu bekehren. Darum müsse ihre Vorherrschaft beendet werden. Obwohl Christen kaum drei Prozent der 960 Millionen Einwohner ausmachen, steht ihr Netz von Bildungs- und Gesundheitszentren nach dem staatlichen Netz an zweiter Stelle.Weil der Monsunregen ausbliebEs ist lächerlich, den Christen vorzuwerfen, sie würden noch im 51. Jahr der Unabhängigkeit die britische Kolonialherrschaft fortsetzen. Bereits vor 1900 Jahren, lange vor Ankunft der Christen auf den Britischen Inseln, kamen die Thomas-Christen nach Indien. Und wenn heute rund 75.000 Ordensfrauen ihr Leben mit Unterdrückten und Niedergetrampelten teilen, dann sind das nicht Ausländerinnen – Agentinnen von Geheimdiensten –, sondern die überwiegende Mehrheit von ihnen sind Inderinnen. Die Christen hinterfragen heute vielmehr die Machtstrukturen, die die Politikerkasten absichern: sie engagieren sich dafür, daß Frauen ihre Rechte durchsetzen, daß Zwangs- und Kinderarbeit geächtet wird. Die Verlierer brauchen ein Feindbild! Die massive Wirtschaftskrise, ausgelöst durch die Atombombentests der nationalhinduistischen Regierungspartei vor acht Monaten, verschärft die Frage nach den Schuldigen. Daß der Monsun ausblieb und eine magere Ernte bevorsteht, läßt nichts Gutes erwarten.Vom Dorfbrunnen verbanntDie 60 kfbö-Projekte sind bisher nicht betroffenNach Angaben der Katholischen Frauenbewegung (kfbö) war bisher keines der rund 60 von Österreich unterstützten Projekte in Indien von den Übergriffen betroffen. Wie Mag. Hildegard Wipfel auf Anfrage der Kirchenzeitung mitteilte, werde in der Projektauswahl darauf geachtet, daß die finanziellen Mittel nicht nur Christen zugute kommen: „Die Spenden aus dem Familienfasttag sollen auch dazu beitragen, das Verständnis zwischen den verschiedenen Religionen zu fördern“. In Dangs, der Krisenregion im Bundesstaat Gujarat, ist es Ende Dezember zu einem sozialen Boykott gekommen. Den christlichen Frauen war es verboten worden, die Dorfbrunnen zu benutzen. In einer Stellungnahme hieß es, die Entwicklungen in Dangs symbolisiere „einen Fehler in der Bürokratie“. Der hochrangige Untersuchungsbeamte mußte aber auch zugestehen, daß keine raschen und durchgreifenden Maßnahmen getroffen wurden, um sich mit diesem Fehler auseinanderzusetzen.