Der Umgang mit der schuldbeladenen Geschichte des 20. Jahrhunderts, vor allem die Greuel des Nationalsozialismus, wird zurecht immer wieder zum Thema politischer und kultureller Auseinandersetzung. Heimatvertriebene kommen sich dabei oft vergessen vor. Zum Beispiel die Donauschwaben. Viel mehr noch hätte ihn die Theologie interessiert. Statt dessen nimmt sich Dr. Georg Wildmann in seiner Pension um die Sorgen seiner Landsleute, der Donauschwaben, an: Rund 40.000 von ihnen haben in den Nachkriegsjahren allein in Oberösterreich Heimat gefunden. Sie sind den jugoslawischen Vernichtungslagern entkommen. In Österreich leben heute rund 120.000 Donauschwaben. Zumeist einfache Leute, die sich nach ihrer Flucht hier als Arbeiter ihren Lebensunterhalt verdienen konnten. Die erste Generation der damaligen Flüchtlinge ist jetzt über 70. Im Inneren dieser Menschen klafft noch immer die Wunde der Vertreibung. Für ihr Leid haben sie wenig Aufmerksamkeit gefunden, es gab wenig Interesse , was damals wirklich geschehen ist. Donauschwaben kommen sich ebenso wie die Sudetendeutschen, meint Dr. Wildmann, heute oft als „Opfer zweiter Klasse“ vor. Brauchte es schon lange, bis offen über die Opfer des Nationalsozialismus gesprochen werden konnte, so finden die Opfer der deutschsprachigen Minderheiten noch weniger Gehör. 50 Jahre nach der Schließung der jugoslawischen Vernichtungslager fordern die Donauschwaben rechtlich Rehabilitierung. Jene Gesetze des „Antifaschistischen Rates der Volksbefreiung Jugoslawiens“, aufgrund derer sie 1944 als Bürger Jugoslawiens enteignet und zu Volksfeinden erklärt wurden, sollten aufgehoben werden.Dr. Wildmann ist sich bewußt, daß die Reformstaaten die materielle „Schuld“ nicht begleichen können; „aber wenigstens reden müßte man darüber“. Wichtiger ist den Donauschwaben ihre moralische Rehabilitierung: Die Führung der betreffenden Staaten sollte ihre Schuld eingestehen, sie sollten um Verzeihung bitten.Nicht Schuld, aber Verantwortung von damals trüge die gegenwärtige staatstragende Generation in den Vertreiberstaaten, betonte Dr. Wildmann bei der Eröffnung einer Ausstellung im Herbst in der Pfarre Langholzfeld. Die saubere geschichtliche Erinnerrung ist für den ehemaligen Philosophieprofessor an der Linzer Theologischen Hochschule für das Zusammenwachsen Europas von großer Bedeutung. „Keine gute Zukunft ohne Bewältigung der Schuld der Vergangenheit“, warnte er damals. Erinnerung braucht OrteDen Landsleuten zu helfen, den „Heimatverlust“ aufzuarbeiten, das will der Verband der Donauschwaben in Oberösterreich ermöglichen. Die Liste der verstorbenen Mitglieder wird mit jeder Ausgabe des Mitteilungsblattes der Organisation länger.Mauthausen, Dachau oder Auschwitz sind zu Erinnerungsorten geworden. Die Namen der kommunistischen Vernichtungslager sind fast unbekannt. Werschitz etwa, wo Abt Adalbert von Neipperg starb, oder Gabkowa. „Filipowa“ hieß der Heimatort Wildmanns, nahe der Donau nordöstlich von Belgrad gelegen. An einem Tag – dem 25. November 1944 – wurden 212 Männer und Burschen von Tito-Partisanen ermordet. Mehrere Arbeitslager hatte Georg hinter sich, als er im Mai 1946 ins Vernichtungslager Gabkova kam, weil er dort seine Verwandten vermutete. Am hellichten Tag gelang ihm die Flucht. Die Wachen waren unaufmerksam, als er sich vom Rand eines Massengrabes weg in ein Getreidefeld flüchtete. Für mehrere Monate fand er Unterschlupf im Haus des Großvaters, ehe er über Ungarn nach Österreich flüchtete. Die DonauschwabenNach den Türkenkriegen versuchten die Habsburger, Siedler für die menschenleer gewordenen Gegenden im heutigen Grenzgebiet von Ungarn, Rumänien und Serbien anzuwerben. So entstand dort das deutschsprachige Siedlungsgebiet der Donauschwaben. 1,5 Millionen Deutsche lebten dort bis zum Ersten Weltkrieg. Ihr Gebiet wurde auf die drei Staaten aufgeteilt. In Jugoslawien lebte bis zum Zweiten Weltkrieg eine halbe Million Sudetendeutsche. Vor dem Heranrücken der Front flohen die meisten. Rund 200.000, vorwiegend Frauen, Kinder und alte Leute blieben. In den Internierungslagern und bei anderen Racheaktionen an den Deutschen verlor ein Drittel davon das Leben. In der 1950 beschlossenen „Charta der Heimatvertriebenen“, dem ersten Deutschen Friedensdokument nach dem Krieg, heißt es: „Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung. Dieser Entschluß ist uns ernst und heilig.“Über die Donauschwaben ... und andere deutschsprachige Minderheiten wie die Gottscheer und Deutsch- Untersteierer hat Dr. Georg Wildmann mit Hans Sonnleitner und Karl Weber die Dokumentation „Verbrechen an den Deutschen in Jugoslawien 1944 – 1948. Die Stationen eines Völkermordes“ verfaßt. (Verlag der Donauschwäbischen Kulturstiftung, München 1998, 370 Seiten. )