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Wir erleben Gewalt auch in der Kirche

200 Schüler/innen diskutierten in Linz mit Hildegard Goss-Mayr
Ausgabe: 1998/49, Hildegard Goss-Mayr
02.12.1998
- Ernst Gansinger
Hildegard Goss-Mayr, die große Persönlichkeit der gewaltfreien Konfliktlösung und Leitfigur des Versöhnungsbundes kam zu den Friedens- und Begegnungstagen am 27. November nach Linz. Auch eine Begegnung mit Schüler/ innen stand auf dem Programm. – Im Festsaal des Gymnasiums in der Honauerstraße nutzten 200 Gymnasiasten die Gelegenheit, sich in die Spiritualität der Gewaltfreiheit einführen zu lassen.„Gewalt ist ausnahmslos eine zerstörerische Gewalt“, sagt die 70jährige Friedensaktivistin. Sie lädt die Schüler/innen ein, in Gruppen darüber nachzudenken, wo sie selbst diese Zerstörungskraft erleben. Die Ergebnisse werden zusammengetragen:„In der Familie, in den Medien, in der Schule“ sagt eine Gruppe. „Von Freunden, im Sport, auch die Schulnote ist ein Gewaltfaktor . . .“, ergänzt eine andere Gruppe. Auch in der Kirche orten sie Gewalt – „etwa zwischen Bischof und Erzbischof“. Eine dritte Gruppe weist auf den Aspekt der Sprache hin: „Auch mit Sprache kann ich viel anrichten.“Hildegard Goss-Mayr:„Ich sehe es als Lebensaufgabe, der Gewaltfreiheit näher zu kommen“, sagt Hildegard Goss-Mayr. Gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann Jean Goss hat sie die Kultur der Gewaltfreiheit auf vier Kontinenten mitgeformt. Zunächst setzten sie sich in lateinamerikanischen Ländern ein, später auf den Philippinen, nun unterstützt Frau Goss-Mayr die Versöhnung in afrikanischen Ländern (Madagaskar, Togo). Mitgeprägt hat das Ehepaar auch die „europäische Szene“.Viele Schüler/innen verfolgten am 27. November im Festsaal des Gymnasiums Honauerstraße mit Bewunderung, wie selbstverständlich Hildegard Goss-Mayr ihren Einsatz schildert, der sich am Evangelium orientiert und von Gandhi inspiriert ist. Sie sprach mit Respekt weitere herausragende Botschafter und Botschaften der Gewaltfreiheit unseres Jahrhunderts an: Martin Luther-King etwa und das Ende des Apartheid- Regimes in Südafrika. . .Einprägsam ist, was sie sagt: Wenn niemand dem Unrecht widersteht, hört es nie auf. . . Gewaltfreiheit stützt sich auf die Kraft der Gerechtigkeit, der Wahrheit und der Liebe. . . In jedem Menschen liegt die Fähigkeit, gewaltfrei zu leben. . . Das Unrecht anschauen, die Menschen achten und die Bereitschaft, selbst den Preis zu tragen (nicht wie im Krieg, den Preis anderen zahlen zu lassen) sind die Basis der Gewaltfreiheit. . . Wichtig ist der Dialog. Nichts zu tun ist nicht gewaltfreiAus der Schüler-Diskussion mit Frau Goss-MayrEin Schüler berichtete aus seiner Gruppe, Gewalt sei nicht vermeidbar, denn in jedem Menschen stecke der Todes- und Selbsterhaltungstrieb. Gewalt liege in der Natur der Menschen. – Hildegard Goss-Mayr hörte aufmerksam zu und antwortete ihrem Motto „Dialog“ und „Achtung des anderen“ treu bleibend: „Es gelingt nicht immer, gewaltfrei zu bleiben. Wesentlich ist, daß wir auf dem Weg bleiben.“„Wie aber könnte ein anderer überzeugt werden, einer der meint, Gewalt wäre unausweichbar, daß Gewaltfreiheit die bessere Alternative ist?“, fragte eine Schülerin. Frau Goss-Mayr bestätigte, daß es schwer ist, sich angesichts der gewaltigen weltumspannenden Strukturen des Unrechts als einzelner hier und jetzt nicht zu klein vorzukommen. „Aber Resignation bedeutet immer, dem Unrecht seinen Lauf zu lassen. Wenn ich nichts tu’, bin ich auch nicht gewaltfrei!“ Sie ermutigte zum langen Atem, denn es gebe ein mächtiges Interesse an unveränderten Strukturen. Und: „Die Gewaltfreien müssen sich vernetzen.“„Super war’s, sagte eine Schülerin nach der Begegnung mit Frau Goss-Mayr. Super war’s, meinte wohl zweierlei: Das Zeugnis der Frau und ihre Ermutigung!
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