„Heimat. – Man weiß erst, was das ist, wenn man sie verloren hat“, sagen die Autoren eines Buches *) über Heimatverlust.Die eine verbrachte als Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie eine behütete Kindheit in Steyr, auch wenn ihr bald beigebracht wurde, daß es besser ist, als Jude nicht aufzufallen (Lotte Herrmann). Ein anderer wuchs, 1906 geboren, am Wehrgraben in Steyr auf und konnte sich über Ungerechtigkeiten ärgern, die ihm als Arbeiterkind widerfuhren. Er erlebte die Not und als jüngster Betriebsrat der Steyrer Werke auch, wie Massen arbeitslos wurden. Im Februarkampf 1934 stand er als Schutzbündler auf Seite der Arbeiter (Alois Zehetner).Ein weiterer kam in der Bukowina zur Welt, am Fuß der Waldkarpaten, im heutigen Rumänien. Seine Vorfahren wie die aller Dorfbewohner, deutschsprachige Österreicher, wurden Anfang des 19. Jahrhunderts aus Seewiesen im Böhmerwald dort angesiedelt. Die Nazis gaben im Zweiten Weltkrieg die Parole aus „Heim ins Reich“, mit entsprechendem Druck natürlich. Das ganze Dorf ging; es war Dezember 1940 (Gregor Brandl).Kindheits- und Jugendzeit-Geschichten von Menschen, deren spätere Fluchtspuren aus Steyr hinaus oder nach Steyr hineinführten.Alte und neue HeimatHeute lebt die Jüdin aus Steyr in den USA. Der Steyrer Arbeiter ist wieder in Steyr, nachdem er in die Tschechoslowakei flüchtete und in Moskau im Exil war, wobei er auch in der Roten Armee gegen Hitler im Krieg stand. Und die Familie des Mannes aus der Bukowina floh im März 1945 aus Polen nach Steyr. Zuvor machte sie zwei Jahre hartes Lagerleben durch, wurde hineingezogen in die widrigen Begleitumstände der Ansiedelung in Polen (unter Enteignung der heimischen Bevölkerung). Das Lehrer-Ehepaar Waltraud und Georg Neuhauser ist in einem Buch „Fluchtspuren“*) nachgegangen, die in Steyr ihren Anfang oder ihr (vorläufiges) Ziel hatten/haben. So unterschiedlich der Hintergrund ihrer Flucht auch war, so ähnlich waren die Folgen für alle: Heimatverlust! Verlust einer jeweils anderen Heimat und dennoch Verlust des jeweils Ähnlichen: Geborgenheit, Verstanden werden.Da sind einerseits Menschen, die nach dem 2. Weltkrieg gezwungen waren, einen Ausweg zu suchen (Ungarn, Tschechen, Bosnier und „Heimatvertriebene“). Da sind andererseits jüdische Steyrer, die in der NS-Zeit flüchten mußten. Das Bedenkjahr 1988 war Anstoß für Waltraud Neuhauser, sich mit der Geschichte der Juden in Steyr näher auseinanderzusetzen. Mit Karl Ramsmaier brachte sie das Ergebnis der Recherche 1993 im Buch „Vergessene Spuren“ heraus. Das neue Buch, das sie mit ihrem Mann geschriebenhat, hat seine Wurzeln auch in den Begegnungen und Erfahrungen von damals.„Wir wollen die Schicksale nicht gegeneinander aufrechnen“, sagen Waltraud und Georg Neuhauser. „Wir haben versucht, das Schicksal der Vertreibung, den Verlust der Heimat und den Heimatbegriff insgesamt herauszuarbeiten. Der Steyrer Autor Georg Hackl ermutigte sie dazu.