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Einbekennen statt entschuldigen

Ausgabe: 1998/45, Reichskristallnacht
03.11.1998
- Hans Baumgartner
„Ich kann mich nicht erinnern, daß in in meiner Familie je ein schlechtes Wort über Juden gesagt wurde. Das war für eine religiöse Familie damals gar nicht selbstverständlich, denn der Antijudaismus war im katholischen Raum weit verbreitet, auch in den Etagen der Hierarchie.“ Das sagt Bischof Stecher. Die Judenhatz am 9. November 1938 war für ihn ein tiefer Schock.Dem Innsbrucker Altbischof Reinhold Stecher wurde für sein entschlossenes Vorgehen gegen die Verehrung des „seligen Anderl“ von Rinn viel Respekt gezollt, er wurde von rechtskatholischen Kreisen dafür auch massiv angefeindet. Das Verbot des Anderl-Kultes war für Stecher ein Akt des Respektes vor dem jüdischen Glauben und den Menschen, die ihn leben, sowie ein Akt des Einbekenntnisses und der Glaubwürdigkeit. Die Anderl-Verehrung beruhte auf einer verleumderischen Ritualmordlegende, die durch Jahrhunderte viel Unheil über die Juden gebracht hatte.Zum belasteten Verhältnis von Kirche und Juden sagte Bischof Stecher: „Ich halte gar nichts davon, sich dafür zu entschuldigen, was andere in der Kirche in der Vergangenheit falsch gemacht haben. Das was wirklich notwendig wäre, ist, daß wir zugeben, daß wir uns bis hinein in das magisterium ordinarium (ordenliches Lehramt) geirrt haben. Das müßten wir einbekennen, und das müßte uns für die Gegenwart vorsichtig machen, ein magisterium ordinarium zu verabsolutieren, das – auch nach der Lehre der Kirche – irrtumsfähig ist. Am Ende dieses zweiten Jahrtausends entnehme ich aus der Kirchengeschichte einen ungemeinen Trost, daß nämlich die Substanz des Evangeliums erhalten blieb. Ich entnehme ihr aber auch eine große Demut, daß wir mit dem Anspruch auf Wahrheit vorsichtiger umgehen sollten.“
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