Sr. Caoimhin hat ihren sicheren Job als Direktorin eines Gymnasiums an den Nagel gehängt. Nun widmet sich die Ordensfrau den Familien von Ballyfermot, einem besonders benachteiligten Stadtviertel Dublins.Es ist nicht selbstverständlich, daß Mary nun doch einen Pflichtschulabschluß nachholen kann. Mit 14 war für sie die Zeit des Lernens vorüber. Ihre Mutter ließ sie nicht mehr in die St.-Dominics-Schule in Dublin. Sie wurde zu Hause schwer mißhandelt und gezwungen, für ihre Geschwister zu sorgen. Mit 17 landete sie für ein Jahr im Gefängnis. Heute sitzen zwei ihrer Brüder ein, drei ihrer Schwestern sind Heroinabhängig. Daß es die junge Mutter nun doch schaffen wird, verdankt sie dem „Matt Talbot Community Trust“, einer Gruppe von vorwiegend Freiwilligen, deren Ziel die Hilfe für benachteiligte Jugendliche im Dubliner Stadtteil Ballyfermot ist: Arbeitslose, Drogenabhängige oder Haftentlassene. Der 26.000 Einwohner zählende Stadtteil der Hauptstadt gilt als die am stärksten benachteiligte Region; nirgends sonst auf der Grünen Insel gibt es so viele Arbeitslose, sind die Durchschnittseinkommen so gering. „Gerade hier“, meint Sr. Caoimhin, „ist der Ort für ein Gemeinschaftsprojekt. Wir wollen die Menschen ermutigen, ihre Probleme in die Hand zu nehmen und eine Gemeinschaft untereinander aufzubauen.“Begonnen hat „Matt Talbot“ vor zwölf Jahren, als die Dominikanerin Sr. Caoimhin Ni Uallachain ihren Direktorinnenposten an einer der bekanntesten Ordensschulen Dublins aufgab. Wurde sie, die den Umgang mit Schülerinnen aus vornehmen Familien gewohnt war, in Ballyfermot überhaupt akzeptiert? „Am Anfang war es ziemlich hart“, erzählt die Ordensfrau, aber ein Erlebnis habe ihr Kraft zum Durchhalten gegeben: „Ich war erst einige Wochen hier, als mir beim Spazierengehen ein Graffiti ins Auge gestochen ist. Neben wüsten Sprüchen über die Staatsordnung stand auf einer Mauer: Caoimhins Arbeit – OK.“ Das bestärkte die Nonne, deren Verwandschaft zum Teil aus dem von Briten beherrschten Nordirland stammt und aus der Lehrer wie Freiheitskämpfer hervorgingen. Als äußeres Zeichen ihrer neuen Aufgabe in Ballyfermot legte Sr. Kevin, wie sie auf englisch heißt, ihre weiße Ordenstracht ab und kleidete sich wie alle anderen Frauen im Stadtviertel auch.FamilienmanagementSeit 1986 ist aus „Matt Talbot“ ein vielbeachtetes Modell geworden. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in einem Ausbildungs- und Beschäftigungsprogramm für Jugendliche ab 17. Schulabbrecher können den Abschluß nachholen und gleichzeitig den Einstieg in das Berufsleben lernen. In einem weiteren Schwerpunkt wird Gefangenen sowie Haftentlassenen und deren Familien Hilfe angeboten. Und seit 1993 trifft sich wöchentlich eine Frauengruppe mit dem Ziel, das Familienleben besser zu managen. Schwerpunkte sind: das leidige Thema „Geld“, Gesundheits- und Erziehungsfragen, Bibelstudium und Gebet.Tom Wilson, DublinStammesdenken überwindenIrlands Karfreitagsabkommen als Musterbeispiel für KonfliktlösungenIch lebte, sozusagen in alter irischer Tradition, 1993 als Missionar in Südafrika. Des öfteren kam ich am World Trade Center in Pretoria vorbei, wo ehemalige Todfeinde am Gesprächstisch versammelt waren. Es war die Stunde einer unblutigen, systematisch entworfenen, politisch und sozial ausgeklügelten Revolution. Es war ein Moment, der in der Geschichte kaum zu finden ist. Das „Stammesdenken“ – nicht nur seitens der Schwarzen – wurde überwunden.Wir Irländer, mit unserer missionarischen Tradition, die sich von Salzburg bis nach Neuguinea erstreckt, haben uns angemessen, gerade Afrikanern zu helfen, ihr „Stammesdenken“ zu überwinden; dabei erweckten wir den Eindruck, frei von Tribalismus zu sein! Aber wird es uns Iren gelingen, ein vergleichbares Ergebnis mit dem Ende des Nordirlandkonflikts zu erreichen, wie es Südafrika gelungen ist, mit dem Ende der Rassentrennung? Solche Fragen stelle ich mir, seitdem eine IRA-Splittergruppe weiterbombt und der protestantische Pastor Paisley ruft: „Ulster sagt NEIN“; wenn immer wieder die einen „Stämme“ in die Wohnbezirke anderer hineinmarschieren. Auch unsere Insel ist geprägt vom „Stammesdenken“. Jede Sippe hatte ihr eigenes Gebiet, eigene Führer und teilweise eine eigene Sprache. Das Selbstbewußtsein wurde geprägt durch eigene Bräuche und entsprechende Symbole. Alles stand im Gegensatz zur Nachbarsippe. Wird jedoch die größere Gemeinschaft, deren Teil die Sippe ist, vergessen, ist das Spiel frei für gewalttätige Konflikte. Eine derart begrenzte Wahrnehmung kam zum Ausdruck auch in den Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken in den letzten 30 Jahren in Nordirland, als auch in Entwicklungen im Süden der Insel. Dem Karfreitagsabkommen und durch die Verfassungsänderung in Irland ist eines gelungen, die „gebietsbezogene Zugehörigkeit“ durch eine „kulturelle Identität“ zu ersetzen. Meiner keltischen Neigung zur Übertreibung folgend behaupte ich: in dieser der Welt zugewandten Auffassung hat die seit mehr als 1200 Jahren von irischen Missionaren gepflegte Weltoffenheit ihren zeitgemäßen Niederschlag gefunden. Tom Wilson MSC