Wort zum Sonntag
Es gibt Gedanken, die Nachtvögeln gleich nur in der Dunkelheit auf verborgenen Wegen an ihr Ziel gelangen. Bei den Gedichten von Jan Kurec ist es so. Am 21. März wird er 90 – und rechtzeitig zum Geburtstag wird ein neuer Gedichtband erscheinen. „Spätlese“ heißt er – und es ist auch eine.
50 Jahre ist es her. Es war am Ende des Prager Frühlings, als die russische Armee das Land besetzte und Kurec aus dem tschechischen Celadna (Brünn) nach Österreich kam. Zwar hatte er schon nach der Besetzung des Landes durch die Deutschen 1939 ein paar Stunden Deutsch in der Schule gehabt, doch das war alles weg. In Innsbruck studierte Kurec Theologie und mit Deutsch musste er wieder ganz von vorne anfangen. Nach bewegten Jahren kam er schließlich nach Oberösterreich als Seelsorger und Religionslehrer. Seit 1983 ist Mettmach seine Heimat. Noch immer hilft er als Seelsorger aus. Zwölf Gottesdienste hat er für den Monat März übernommen.
Eigentlich hätte Jan Kurec all das beschriebene Papier verbrennen wollen, aber Maria Machl, die Nachbarin, brachte das nicht übers Herz. Nie hatte sie mit Philosophie oder Literatur zu tun gehabt. Sie spürte die Kraft in den Texten. So ist es ihr zu danken, dass schon mehrere Gedichtsammlungen erschienen sind. Guido Rüthemann hat vor drei Jahren den Gedichtband „Spiegelungen“ herausgegeben, nun folgt die „Spätlese“. Rüthemann ist ein Freund seit Studienzeiten in Innsbruck. Nie hätte Jan damals gedacht, dass er als der viel Ältere erleben würde, wie all seine jungen Studienfreunde der Reihe nach in Pension gehen.
In der Nacht also kamen die Verse, zwischen Schlaf und Aufwachen – ohne dass Jan Kurec selbst etwas dazu beitragen musste. Als hartnäckige Gedanken kamen sie, Wort für Wort, sodass er sich gezwungen sah, sie aufzuschreiben. Als Empfänger versteht er sich, nicht als Verfasser. Deshalb setzt er auch nie seinen Namen darunter. Sich vorzunehmen, ein Gedicht zu schreiben, das funktioniert nicht. Eingebungen also. Zugeflogen. Bei der Heiligen Schrift ist es für ihn anders: „Da schreit mich jedes Wort an“, sagt Kurec. Da setzt er sich hin und schreibt.
Nicht nur Gedichte hat Jan Kurec aufgeschrieben. Er liest einen Text vor, der von der Begegnung mit dem „Gast, der auf keine Einladung wartet und der auch heftigst abgewiesen trotzdem kommt“ erzählt. Jan Kurec ist 90, und er weiß, dass der Tag, an dem dieser Gast wiederkommen wird, nicht fern sein kann. „Durch meine Hand stirbt niemand“, lässt er den Tod in diesem Text sagen. Er ist nur der Zeuge des letzten Augenblicks. Kurec glaubt zu wissen, wie es sein wird: So nämlich, wie er als Bub heimgekommen ist zu den Eltern. Er wird die Tür aufmachen und die Stimme der Mutter in tschechischer Sprache aus dem Inneren des Hauses auf dem Flur hören: „Jan, hast du die Schuhe ausgezogen?“
Bei den Messen legt Jan Kurec großen Wert auf das Gedenken an die Verstorbenen: „Wir wollen ihnen nicht das Unrecht antun, dass wir sie für tot hielten – sie bilden mit uns zusammen eine Gemeinschaft vor Gott“, ist er überzeugt, und Gott wird seine Verheißung auch an uns wahr machen.
Nur wenig von dem,
was sie versprach,
die Zeit,
hat sie erfüllt,
die Tage und
Jahre stumm begleitet,
ihre wachsende
Zahl aufgerundet,
mit einer Null
besiegelt, stolz,
über solche Nichtigkeit
zu verfügen
wie eine Null,
bei der sie angefangen
und die ihre
Herrschaft beendet.
Sie ist nur eine Ouvertüre
zum Hauptakt
ohne Begleitung,
ihre Zäsuren
werden zu Ewigkeiten.
Auch die Zeit
wird mit
der Zeit
noch reifer,
wie der Mensch,
der abgemüht
sein Werk
betrachtet,
das mit Eifer
seinerzeit er
schuf, wohl
gewiss, dass
doch noch etwas
fehlen mag,
was seinem
Ruf er schuldet
als Diener
seiner Muse
auch später noch
vor allen Dingen
Lob an sie zu singen.
Wort zum Sonntag
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